Ein Plädoyer für die Verwendung des Wissensmanagement-Standards ISO30401 in der GfWM
Mit diesem Blog-Beitrag möchte ich in der GfWM mal eine Diskussion anstoßen, ob wir nicht den Wissensmanagement-Standard ISO30401 als Basismodell verwenden wollen. In der Philosophie und weiteren Disziplinen streitet man seit Jahrtausenden um die „richtige“ Definition von Wissen. Manchmal fühlt es sich im Wissensmanagement genau so an und die Verwendung eines Standards könnte vielleicht helfen.

Ich nehme euch erstmal zurück in die Vergangenheit. Im Jahr 2007 hatte ich die Gründung eines Fachteams Wissensmanagement angeregt. Die Idee war, nach dem Vorbild des WM Forum Graz und den Praxishandbüchern Wissensmanagement, ein Basismodell zu schaffen, das möglichst zeitlos, anschlussfähig und offen verfügbar ist. Ergebnis war das GfWM Wissensmanagement-Modell in Version 1.0.
In der Diskussion im Fachteam hatten wir uns damals darauf verständigt, unter anderem die ISO 9001 (damals noch in der Version aus dem Jahr 2000) als Basis zu verwenden, um an Prozess- und Qualitätsmanagement anschlussfähig zu sein und Wissensmanagement-Aktivitäten immer an den Arbeitsalltag und dort verwendete Erfolgsgrößen anzudocken.
Die Version der ISO 9001 aus dem Jahr 2015 enthielt dann das Kapitel 7.1.6 „Wissen der Organisation“. Auch wenn das Kapitel nur drei Anforderungen in 418 Zeichen enthählt, haben die es doch in sich:
- Wissensgebiete: Die Organisation muss das Wissen identifizieren, das für ihr Prozesse relevant ist (ein Steilpass für organisationale Wissenslandkarten).
- Wissenspflege: Dieses Wissen muss auf Stand gehalten („maintained“) und im notwendigen Maß zugreifbar gemacht werden (ein Steilpass für Open-by-Default-Ansätze, Wikis, Barcamps, Communities of Practice).
- Wissensstrategie: Wenn es neue Bedürfnisse (der Stakeholder) oder Trends (wie z.B. gerade KI) gibt, muss die Organisation ihre Wissensbasis auf Aktualisierungsbedarf hinterfragen (ein Steilpass für Wissensstrategieprozesse und Ankopplung an die Strategie der Organisation).
Im Jahr 2018 erschien dann die erste Version der ISO 30401 „Knowledge Management Systems – Requirements“. Wichtig dabei ist, dass mit „Systems“ Management-Systeme und nicht IT-Systeme gemeint sind, das wird in der Praxis oft verwechselt. Die ISO 30401 versteht sich als Handlungshilfe, die drei Anforderungen aus der ISO 9001 operativ mit Leben zu füllen:
Knowledge management is complementary to quality management. “Organizational knowledge” is addressed in ISO 9001 as one of the mandatory elements for establishing a quality management system. A knowledge management system as defined in this document is a means to achieve the requirements settled in ISO 9001:2015, 7.1.6.
Die über 50 Anforderungen an ein Wissensmanagement-System aus der ISO 30401 empfinde ich in der Praxis als sehr hilfreich. Sie bieten einen strukturierten Prozess, um in einer Organisation Schritt für Schritt eine Wissensmanagement-Strategie zu entwickeln und umzusetzen. Dazu gehören u.a. die Festlegung eine Scope (Wirkungsbereich, selten die ganze Organisation), die Rolle der Führungskräfte, notwendige Ressourcen, die Anforderungen an eine gute Wissenskultur sowie der iterative/agile Ansatz Wissensmanagement in der Praxis zu betreiben.
Dieses Jahr im Herbst kommt die neue Version der ISO 30401 heraus, angelehnt an das Update der ISO 9001. Ich stelle hier mal die Frage in den virtuellen Raum, ob wir nicht das GfWM Wissensmanagement-Modell aktualisieren und dabei die Kombination aus ISO 9001 + 30401 als Fundament verwenden wollen? Ich bin gespannt auf eure Antworten und einen spannenden Diskurs.
